Unterwegs mit Bine

Gedanken über zu Hause, Flucht und Ankommen

Zu Hause, was ist das? Für die meisten der Ort an dem sie leben. Ob alleine oder mit einem Partner, Kindern, Mitbewohnern. Der Ort an dem man sich eingerichtet hat, an dem man man selbst sein kann, wo man sich sicher und geborgen fühlt. Zu Hause halt.

 

Besonders seitdem ich wieder in Chile angekommen bin, ist mir bewusst geworden, dass ich nicht nur ein zu Hause, sondern ganz viele „zu Hauses“ habe – was für ein schönes Gefühl! Wenn ich darüber nachdenke, ist jeder Ort an dem ich für längere Zeit gelebt habe irgendwie zu Hause. Ich fühle mich zu Hause in Santa Ana del Yacuma und Sucre in Bolivien, in Frankfurt, in Münster, in Santiago de Chile und ganz besonders bei meiner chilenischen Gastfamilie in Valdivia. Und natürlich bei meinen Eltern im Westerwald in dem Haus in dem ich aufgewachsen bin und immer wieder Zuflucht gefunden habe – das ist für mich dann „zu Hause zu Hause“ oder auch Heimat.

Da ich ein sehr gesegneter Mensch bin, habe ich auch noch andere Orte an denen ich mich zu Hause fühle und zwar, wenn ich bei Menschen sein darf, die ich liebe und gern habe. Es ist so ein erfüllendes und überragendes Gefühl zu wissen, dass ich an viele Türen von Familienmitgliedern, Freunden und sogar ehemaligen Kollegen in der ganzen Welt klopfen kann und mit großer Sicherheit Hilfe, Unterstützung, Essen und ein Dach über dem Kopf bekommen würde, eines in dem ich mich wie zu Hause fühlen kann.

Man sagt ja „Home is where your heart is“ – mein Herz ist einfach verteilt an vielen Orten, bei vielen Menschen, was mich sehr glücklich macht.

 

Wenn ihr darüber nachdenkt, wie geht es euch? Was sind eure „zu Hauses“? Fallen euch viele Menschen ein, in deren zu Hause ihr auch zu Hause seid? Und wird euch bei dem Gedanken ganz warm ums Herz und müsst ihr lächeln und grade an all die vielen lieben Menschen in eurem Leben denken? Schön, oder?

 

Und jetzt stellt euch mal vor, dass das alles nicht mehr wäre.

 

Euer zu Hause, eure Wohnung, euer Haus, eure Umgebung – zerstört. Und nicht nur euer zu Hause, sondern auch das von euren Eltern, euren Geschwistern, euren Freunden und Arbeitskollegen, euer Lieblingscafé und das Kino in das ihr immer geht – eben all diese anderen Orte an denen ihr euch zu Hause fühlt. Keine Zufluchtsorte mehr, kein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

Genau das passiert im Moment tausenden von Menschen in den verschiedensten Teilen der Welt. Ihr wisst wo, eigentlich muss ich es gar nicht nennen: Syrien, Ukraine, Afghanistan, Irak, Somalia, Sudan und viele andere Orte, von denen wir in unseren westlichen Medien gar nichts mitbekommen.

 

BLITZLICHTER DER LETZTEN WOCHEN

 

Kuala Lumpur

Ich sitze im Zug auf dem Weg zum Flughafen. Kurznachrichten des Tages auf dem Fernseher im Zug:

  1. Meldung: Bombenangriff auf Damaskus, viele Tote
  2. Meldung: Deutsche sehen in Bautzen dabei zu, wie ein Asylbewerberheim brennt und applaudieren, anstatt zu helfen
  3. Meldung: Sicherlich irgendwas mit der Börse und der Weltwirtschaft
  4. Meldung: Sicherlich irgendwas mit Sport
  5. Meldung: Sicherlich irgendwas mit Prominenten

In solchen Momenten rufe ich nicht laut aus, dass ich aus Deutschland komme, sondern schäme mich ein wenig innendrin und merke wie unwichtig und unbedeutend viele Nachrichten sind (insbesondere Klatsch und Tratsch).

 

Facebook

Auf allen Nachrichten-Seiten das folgende Video:

Ich kann das gar nicht fassen, was ich da sehe, muss es mehrmals anschauen. Wie niederträchtig und böse und kalt kann man sein, um Menschen, denen alles genommen wurde, die Gewalt, Krieg, Verlust hinter sich haben, die Angst haben vor dem was auf sie zukommt, die tiefen Schmerz empfinden für das was sie hinter sich lassen mussten und verloren haben, mit einem solchen Hass zu begegnen? Wo bleibt die Menschlichkeit, wo die Einsicht und das Mitgefühl?

Die Worte von dem ehrenamtlichen Helfer und Dolmetscher, der mit den Flüchtlingen im Bus war, hat mich Tage später wieder sprachlos gemacht. Genau so fassungslos, betroffen und verletzt wie dieser Mann, der versucht den Menschen zu helfen, fühle ich mich auch wenn ich solche Bilder sehe.

 

Santiago de Chile
Nach über 40 Stunden Reise durch verschiedene Kontinente bin ich endlich in der Wohnung meiner Freundin Pamela angekommen (noch so ein zu Hause). Ich bin total erschöpft, kann nicht mehr klar denken, habe Hunger und Durst und kann vor Müdigkeit kaum die Augen offen halten. Mir geht es so nach nicht einmal zwei Tagen unterwegs, durch sichere Länder, mit einer Kreditkarte im Gepäck mit der ich mir kaufen kann, was ich möchte, auf dem Weg in ein Land dessen Sprache ich spreche, in dem ich mich auskenne und mich verschiedene „zu Hauses“ erwarten.

Wo nehmen die Flüchtlinge bloß all ihre Kraft her, habe ich mich in dem Moment gefragt? Wenn ich nach nicht mal mehr 2 Tagen schon am Rande meiner Kräfte bin, obwohl ich mich auf sicherem Terrain bewege.

Dann kommen mir die Bilder in den Kopf von verzweifelnden, schreienden Menschen an den EU-Außengrenzen, die dort abgewiesen werden, nach einer wochenlangen, gefährlichen und beschwerlichen Reise. Ich kann ihre Frustration, ihre Wut und ihre Verzweiflung in diesem Moment so gut nachempfinden.

 

Museum für islamische Kunst in Kuala Lumpur

In einem Bereich gibt es Modelle von besonderen und architektonisch herausragenden Moscheen auf der ganzen Welt. Mit dabei die Moschee von Damaskus, selbst im Modell eine große und imposante Moschee. Mir kommt der Gedanke, ob es diese Moschee wohl noch so gibt, wie sie im Modell gezeigt wird oder ob sie durch die Kämpfe zerstört wurde. Ich frage den Mann neben mir, der sich auch gerade das Modell anschaut, ob er wisse, ob die Moschee noch stehe. Er schaut mich an und sagt mit traurigem Gesicht: „Ich weiß es nicht, aber wahrscheinlich nicht.“

 

Hinter uns mein Land

Der Auslöser diesen Text zu schreiben, ist dieses bedrückende, berührende Video das ich bei einem Freund auf Facebook gesehen habe. Es beschreibt eindrücklich die Fluchterfahrung von zwei Männern, die so unterschiedlich und doch so ähnlich sind. Bitte bitte schaut es euch bis zum Ende an.

 

Was macht das mit euch, wenn ihr das hört? Ich musste sehr weinen: Aus Dankbarkeit und Rührung für mein wunderbares, sicheres und erfülltes Leben mit den vielen „zu Hauses“, aus Mitgefühl mit den Menschen, die alles zurücklassen müssen und Schlimmes hinter sich haben, vor Wut auf diese Rassisten und kalten Menschen, die so viel Hass in sich und nach außen tragen und so viel zerstören.

 

Mein Opa wurde mit seiner ganzen Familie nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Ich habe nie mit ihm über seine Fluchterfahrung und vor allem das Ankommen im kriegszerstörten Deutschland gesprochen. Aber ich stelle mir vor, dass es sehr schwierig und schmerzhaft war. Er ist vor fast 15 Jahren gestorben, ich kann ihn leider nicht mehr fragen.

Bis heute hängt in der Wohnung meiner Großeltern eine Holzschnitzerei, die mein Großonkel nach einem Foto angefertigt hat. Es zeigt das Haus meiner Ur-Großeltern, meines Opas und seiner Geschwister in der Heimat, die sie zurücklassen mussten. Das zu Hause, das für immer verlorengegangen ist im neu geschaffenen zu Hause.

 

In den letzten Jahren in Frankfurt habe ich mit einer wunderbaren Mitbewohnerin zusammengelebt. Ich glaube ich habe nie einen loyaleren Menschen mit einem größeren und besseren Herzen kennengelernt. Sie ist Lehrerin an einer Gesamtschule und hat an verschiedenen Unis in Deutschland studiert. Sie hat einen großen Freundeskreis, eine unbändige Lebensfreude und das lauteste Lachen dieser Welt. Einfach ein Mensch zum lieb haben. Ich wusste, dass sie ursprünglich aus dem Irak kommt, war aber der festen Überzeugung, dass sie in Deutschland aufgewachsen ist. Als sie mir eines Tages, nachdem wir schon ein paar Monate zusammengewohnt haben, erzählte, dass sie mit 19 Jahren alleine aus dem Irak geflohen ist, hab ich erst mal nicht mehr den Mund zubekommen. Wir haben nie im Detail über ihre Fluchterfahrung gesprochen, ich wollte sie nicht fragen, weil ich es mir so schmerzhaft vorstelle, dass es jedes mal wieder tiefe Wunden aufreißt, wenn man davon berichtet. Aber wir haben über ihre Zeit des Ankommens in Deutschland gesprochen. Wie schwierig und hart die Zeit im Asylbewerberheim für sie war und wie dankbar sie war, als sie dort weg konnte, um ihr Studienkolleg zu machen und danach ein Studium anzufangen.

Und auch da waren sie wieder: die helfenden Hände und die Menschen, die den Unterschied gemacht haben. Die integriert und erklärt haben, die Freunde geworden sind und ihr dabei geholfen haben nun auch ein paar „zu Hauses“ in Deutschland zu haben. Und trotzdem bleibt die Trauer über das Zurücklassen der Familie und Freunde im Irak, die Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit, wenn die Sicherheitslage für die geliebten Menschen schlechter wird. Als vor 2 Jahren der IS vor ihrer Heimatstadt stand und davor war die Stadt einzunehmen in der all diese geliebten Menschen leben, die Heimat und zu Hause ist, waren wir Freunde von ihr in Deutschland mit betroffen und haben mit ihr gelitten, gebetet und gehofft. Auf einmal wird eine Randnotiz in den Nachrichten, die ansonsten so weit weg ist, zu etwas bedeutsamen, weil man persönlich betroffen ist. Ich habe eine hohe Bewunderung ihr gegenüber für ihre Stärke und ihre Kraft, ihre Entscheidung für ihre Freiheit, die Familie und vieles was sie liebt zurück zu lassen. Wie stark muss dieser Drang sein, wie groß die Not? Wie groß die Angst vor dem was kommt? Wie unbegreiflich die Trauer um das was man zurücklässt?

 

Alle die aus ihren Heimatländern und von ihren „zu Hauses“ weggehen, haben ihre Gründe dafür, seien es Krieg, Verfolgung, Unterdrückung, Armut, Hunger oder der Wunsch nach einem besseren Leben.

Es macht mich wütend, wenn den Flüchtlingen, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kommen, dies zum Vorwurf gemacht wird.

Und ja natürlich, nicht jeder der kommt ist ein guter Mensch. Da muss man aber in Deutschland auch nicht weit gucken, um zu sehen, dass es überall solche und solche Menschen gibt. Wie meine Oma immer sagt „Es gibt überall Meckeser“, also Menschen mit schlechten Absichten. Aber die meisten Flüchtlinge kommen aus der Not heraus und sind unglaublich dankbar für eine helfende Hand.

Aus meiner Erfahrung bei meinen selbst ausgesuchten Auslandsaufenthalten, weiß ich, wie wichtig es ist Menschen an der Seite zu haben, die einen begleiten und besonders am Anfang im Alltag helfen. Wenn man mit der Sprache nicht weiterkommt, wenn man kulturelle Besonderheiten nicht versteht. Menschen, die einem die Stadt zeigen, einen mitnehmen in ihren Alltag und einen aufnehmen in ihre Gruppen. Einem einfach dabei helfen ein neues zu Hause für sich selbst zu schaffen. Alleine ist das fast unmöglich.

 

Deshalb nun mein Aufruf an euch alle!

Seid und bleibt offen für die Menschen, die nach Deutschland kommen: in euren Herzen, in euren Köpfen, mit euren Armen.

Ich weiß, dass eigentlich alle in meinem Familien- und Freundeskreis diese Offenheit haben und viele aktiv helfen: mit Deutschunterricht für Flüchtlinge, mit (Sach)-Spenden, mit der Begleitung der Ankommenden vor Ort, ehrenamtlich oder in ihrem Beruf als Lehrer, Pastoralreferent, Arzt oder Sozialarbeiter.

 

Wie schön wäre es wenn DU derjenige bist, der einem Menschen die Tür zu einem neuen zu Hause öffnet. Wenn DU derjenigen bist, der den Unterschied macht. Vielleicht den Unterschied der das Leben eines anderen Menschen bestimmt und es in eine hoffnungsvolle Zukunft lenkt…

 

Das ist der längste Beitrag, den ich bisher geschrieben habe, aber es brannte mir auf der Seele. Ich hoffe, dass es ein paar Leute gibt, die bis an diese Stelle gelesen haben.

Ich bin im Moment noch weit weg und kann außer Geldspenden und Position beziehen, wenig tun. Aber ich habe mir fest vorgenommen, dass ich aktiv werde, wenn ich zurückkomme und vielleicht ein klein wenig dazu beitragen kann, dass auch andere Menschen wieder ein oder mehrere zu Hauses haben.

 

Dieser Beitrag darf sehr gerne in verschiedenen Kanälen geteilt werden.

Spread the word: „Wer flüchten musste, verdient ein wenig Frieden. End of story.“

 

Ihr wollt auch etwas tun, wisst aber nicht wo und wie? Hier gibt es ein paar Seiten auf denen ihr Infos bekommt, wie ihr helfen könnt:

Und wer noch Geschenke für Ostern oder diverse Geburtstage, Hochzeiten, Geburten etc. sucht, wird immer bei Oxfam unverpackt fündig und tut mit dem Geschenk auch noch etwas Gutes. Ich bin stolze Besitzerin eines gedeckten Tisch, einer Ziege, einer Ente und eines Huhns und habe schon einen ganzen Zoo verschenkt. =D

2 Kommentare

  1. Vic Vic
    16. März 2016    

    Schön geschrieben, wahre Worte, danke für diesen beitrag!

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