Unterwegs mit Bine

Gewaltherrschaft der Roten Khmer (Kambodscha)

TUOL SLENG FOLTERGEFÄNGNIS UND KILLING FIELD CHOEUNG EK

Dieser Tag war der traurigste und erschütterndste auf meiner bisherigen Reise. Wir haben am Vormittag das Tuol Sleng Foltergefängnis und am Nachmittag das Choeung Ek Killing Field besucht und viel über die grausame Herrschaft der Khmer Rouge (oder auf Deutsch Roten Khmer) erfahren. Aber auch nachdem wir viel gelesen und mit einigen Kambodschanern über die Zeit haben sprechen können, habe ich die politischen Umstände die zur Machtergreifung durch die Roten Khmer geführt hat, immer noch nicht komplett durchdrungen.

Was ich hier schreibe sind meine persönlichen Eindrücke von den beiden Gedenkstätten und aus den Gesprächen mit Kambodschanern. Wer alles noch einmal in „neutraler“ und umfassender Form lesen möchte, kann dies hier tun.

Die Roten Khmer kamen 1975 nach einem mehrere Jahre andauernden Bürgerkrieg in Kambodscha an die Macht. Die politische Lage in Südostasien war in den 70er Jahren sehr verworren. In Vietnam sind die USA gegen die Kommunisten in den Krieg gezogen und haben sich wie meist in den Nachbarstaaten Verbündete gesucht. So kam in Kambodscha mit Hilfe der USA der Armeegeneral Lon Nol an die Macht, der sich gegen die Kommunisten im Land stellte. Da der damalige König Sihanouk nach dem Putsch durch Lon Nol nach China fliehen musste und zurück an die Macht wollte, unterstütze er aus China heraus die Roten Khmer, die aus der Kommunistischen Partei hervorgegangen waren. Insbesondere die Landbevölkerung war sehr loyal ihrem König gegenüber und wollte ihm zurück zur Macht verhelfen. Deshalb war die Unterstützung der Roten Khmer im Kampf gegen Lon Nol in der Landbevölkerung schon vor der Machtergreifung sehr groß – freilich mit dem Hintergedanken den König wieder einzusetzen und ohne eine Vorstellung, zu was die Roten Khmer fähig sein würden. Während des Bürgerkriegs bekamen die Roten Khmer fast alle Landesteile unter ihre Kontrolle und am Ende war nur noch Phnom Penh in der Hand von Lon Nol.

1975 wurde dann auch Phnom Penh von den Roten Khmer eingenommen und die Tragödie nahm seinen Lauf. Die Kämpfer, die zu Beginn freudig als Befreier in der Hauptstadt empfangen wurden, vertrieben alle Menschen aus der Stadt und schickten sie aufs Land. Angeblich weil ein Bombenangriff der USA drohen sollten, aber in Wirklichkeit war es der erste Schritt zur Errichtung des Regimes. Gegner der Kommunisten, Intellektuelle und zum Teil wahllos ausgesuchte Menschen wurden in die Foltergefängnisse gebracht. Während der Zeit der Roten Khmer waren die Städte des Landes nicht bewohnt. Man muss sich das mal vorstellen: über eine Million Menschen werden von einer Minute auf die nächste aus ihren Häusern vertrieben und zurück bleibt eine Geisterstadt in der es nur Gefängnisse und die Roten Khmer gibt.

Ziel des Regimes war der Aufbau eines Agrarkommunismus. Die gesamte Bevölkerung sollte auf dem Land arbeiten. Sämtliche Schulen und Universitäten wurden geschlossen, die Ausübung von Religion wurde verboten und die Mönche vertrieben, Krankenhäuser wurden dicht gemacht, Kultureinrichtungen sowieso – man kann sagen das Leben so wie es vorher war, blieb stehen und existierte nicht mehr.

Familien wurden getrennt. Es gab Frauen-, Männer- und Kinder-Arbeitscamps. Alle haben in den eingeteilten Gruppen gelebt und in der Landwirtschaft gearbeitet. Alle mussten ihre Heimatdörfer verlassen und wurden an ihnen fremden Orten eingesetzt. Essen gab es nie genug, das Bildungs- & Gesundheitssystem waren inexistent, man war von den Menschen die man liebte isoliert und wusste nicht, was mit ihnen war, dazu die ständige Angst irgendetwas falsch zu machen und in einem der Gefängnisse zu landen.

Ich bin froh und dankbar, dass ich mir bei allem Mitgefühl nicht wirklich vorstellen kann, wie es damals war. Was für ein Glück und ein Segen, dass ich in Frieden ohne Bedrohung, Hunger und Angst aufwachsen konnte und bis heute leben darf.

Die Menschen, die zum Teil wahllos festgenommen wurden (zum Teil nur weil sie eine Brille trugen oder weil man ihnen vorwarf für den CIA zu spionieren), kamen zusammen mit ihren Familien in eines der Foltergefängnisse. Dort blieben sie zum Teil mehrere Monate oder Jahre und mussten unter den schlimmsten Bedingungen leben. Ich glaube nicht, dass man das überhaupt noch Leben nennen kann. Um Geständnisse aus den Gefangen herauszupressen, wurde Folter angewendet: Waterboarding, Stromschläge, rohe Gewalt. Viele Gefangene haben nach diesen Qualen falsche Geständnisse abgelegt und vermeintliche Komplizen verraten.

Das Tuol Sleng-Foltergefängnis, welches wir in Phnom Penh besucht haben, ist in einer ehemaligen Highschool untergebracht. Selbst heute hängen in einigen Räumen noch die Tafeln, die Reckstangen stehen noch auf dem Schulhof und wären nicht die Zellen in den Räumen und die Folterinstrumente, die man heute noch sehen kann, könnte man auf den ersten Blick meinen, es wäre einfach nur eine schon länger leerstehende Schule. Auch hier geht es über meine Vorstellungskraft hinaus, was die Menschen dort durchgemacht haben.

Eine Aussage des Anführers der Roten Khmer, Pol Pot, war, dass das Böse an der Wurzel ausgerissen werden muss – deshalb wurde die ganze Familie der vermeintlichen Verräter nach ihrer Zeit im Gefängnis umgebracht. Mich als Deutsche lassen solche Aussage an unsere eigene Geschichte denken und machen mich umso mehr betroffen.

Wenn die Gefangenen gestanden hatten, wurden sie nachts zum Cheoung Ek Killing Field gebracht und dort ermordet.

Dieser Ort einige Kilometer außerhalb von Phnom Penh hat mich besonders berührt. Heute ist es eine Gedenkstätte und trotz vieler Besucher machte sich eine ruhige und betroffene Stimmung breit. Heute ist der Ort mit Gras bewachsen, es fliegen Schmetterlinge in allen Farben umher, Hühner gackern herum und es scheint alles so friedlich. Aber eigentlich offenbart sich an diesem Ort die Brutalität und Menschenverachtung des Roten Khmer Regimes.

Die Gefangenen wurden auf Lastwagen mit verbundenen Augen zum Killing Field gebracht und wussten nicht, was sie erwartet. Ein lauter Dieselgenerator erzeugte Strom, damit die Soldaten Licht hatten und aus ratternden Boxen kommunistische Lieder ertönen konnten. Das war das letzte was die Gefangenen hörten. Dann wurden sie zu den Gruben geführt in die ihre Leichen geworfen werden sollten. Um Munition zu sparen, wurden die meisten mit Gewehrkolben, Macheten oder was eben zur Hand war, erschlagen und dann tot oder halbtot in die Massengräber geworfen.

Wie geschrieben wurden nicht nur Erwachsene umgebracht, sondern auch Kinder. Auf dem Gelände steht ein großer Baum mit einem dicken Stamm. Daneben war die Grube für die Mütter und Kinder ausgehoben. Kleinkinder wurden mit dem Schädel so lange gegen diesen Baum geschlagen, bis sie tot waren und in die Grube geworfen. Die Menschen, die die Massengräber nach der Befreiung durch die Vietnamesen entdeckt haben, haben berichtet, dass an dem Baum noch Haare und Hirnmasse klebte.

Schätzungen zufolge fielen rund 2 Millionen Kambodschaner und einige Ausländer den Roten Khmer zum Opfer.

1978 marschierten Vietnamesische Truppen in Kambodscha ein und befreiten den Großteil des Landes. Die Roten Khmer besetzten bis Mitte der 90er Jahre Teil des Landes und waren weiterhin aktiv. Was ich bis jetzt noch nicht verstanden habe und es politisch nicht einordnen kann ist, warum nach diesen Gräueltaten und der Befreiung durch Vietnam, die Roten Khmer unter Pol Pot eine Exilregierung Kambodschas in Malaysia bilden konnten, die von den Vereinten Nationen anerkannt wurde. Erst 1993 kam es zu den ersten freien Wahlen in Kambodscha.

Aber auch heute passieren ja Dinge auf dieser Welt, die brutal und menschenverachtend sind und dies wird akzeptiert, um das diplomatische Gleichgewicht nicht durcheinander zu bringen. Solange es Menschen gibt, wird es wohl auch Diktatoren und Gewaltregimes geben – ein trauriger Gedanke, der mich wütend macht, aber wohl schwer zu ändern ist.

Kambodscha ist mit dem Roten Khmer-Tribunal dabei seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Dabei soll nur der obersten Führungsebene der Prozess gemacht werden. Viele der Verantwortlichen sind mittlerweile verstorben und es wird wohl nie zu einer umfassenden Aufarbeitung und Rechtsprechung kommen.

Ich habe im Tuol Sleng-Gefängnis keine Fotos gemacht, das ist einfach nicht der Ort dafür. Hier könnt ihr aber mehr zum Gefängnis lesen und einige Fotos sehen.

Hier findet ihr Infos und Fotos über das Choeung Ek Killing Field.

Killing Field Choeung Ek

Killing Field Choeung Ek

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